Der Nubbel und wie er in die Welt kam

Wer hat schuld, dass wir uns an Karneval daneben benehmen?

11.01.2010 Dominik Krug

Ahnenforschung einer der großen Ikonen des rheinischen Karnevals: Leben und Sterben eines Sündenbocks mit einem Körper aus Stroh und einem Herz aus Gold

Einen, den trifft das Leben immer wieder ganz besonders hart. Gemeint ist der gute Nubbel, der Jahr für Jahr wieder als Sündenbock im Karneval herhalten muss und sein grausiges Ende auf dem Scheiterhaufen des Pöbels findet. Nachfolgend einige nachdenklich stimmende Zeilen zum Leben und Sterben eines ewigen Verlierers.

Wo der Nubbel her kommt

Obwohl man mit Scheiterhaufen gerade finstere Zeiten wie das Mittelalter verbindet, existiert die Nubbel-Tradition im kölschen Raum erst seit dem späten 19. beziehungweise frühen 20. Jahrhundert. Der Name Nubbel hingegen wurzelt knapp einhundert Jahre früher, wo er als eine Art Unbestimmtheits-Begriff verwendet wurde. Etwa wenn man heute von Max Mustermann oder Hans Wurst spricht, sprach man früher vom Nubbel. Das bedeutet im Umkehrschluss, jeder Mensch kann in der Haut des hilflosen Opfers stecken. Das sollte nachdenklich stimmen.

Denn auch wenn es keine biografischen Aufzeichnung über seine Geburt gibt, so fröstelt es bei dem Gedanken an folgende Geschichte: Es muss um 1880 ein harscher Winter in den Ardennen gewesen sein. Um dort den Karneval zu begraben, erkor man einen jungen Mann aus, der es sich seine Belohnung redlich verdient hatte, stopfte ihn mit Stroh aus und stellte ihn vor ein Scheingericht. Ein Todesurteil später, steinigte man den armen Kerl, bis er zusammenbrach. Viva Colonia.

Wo der Nubbel hin geht

Vor dem kölschen Karneval brannte der Nubbel (damals unter seinem Decknamen Zacheies) auf rheinischen Kirmesplätzen, oder wurde alternativ lebendig (oder besser: intakt) begraben. 1913 wurde deshalb die Buchheimer Kirmes wegen Verdacht auf heidnische Rituale noch verboten, aber 1950 bereits, einer beliebten Zeit für Südenböcke, verbreitete sich die Zacheies-Verbrennung im Anschluss an die Kirmes von St. Severin wie ein Laubfeuer. Inzwischen wird der Strohmann zu Beginn jeder Karnevalssaison (November) über verschiedenen Kneipen aufgeknüpft, wo er bis zum Ende der jecken Tage (Aschermittwoch) baumeln und zappeln darf. Dann geht es ihm ans Leder.

Schuld und Sühne

In der Nacht zu Aschermittwoch wird der inzwischen gut abgehangene Nubbel von seinem Leid am Galgen erlöst, selbstredend nur, um einem noch größeren Martyrium zum Opfer zu fallen. Die Gemeinde versammelt sich rund um die Kneipe und trägt den kleinen Strohmann anschließend seinem Schicksal entgegen. An einem ausgesuchten Platz wartet bereits ein als Geistlicher verkleideter Karnevals-Jeck und ein fachmännisch-errichteter Scheiterhaufen.

Hier wird die Anklageschrift verlesen. Die Menge verstummt, Schunkeln und Bützen wird sogleich eingestellt und eine leichte Melancholie verbreitet sich. Da geht es um Verlust, Abschied und dererlei Dinge, die die Gemeinde näher zusammenrücken lässt. Der Nubbel wird dann der Völlerei, des Ehebruchs und anderer, karnevalstypischer Delikte bezichtigt, wogegen ihn der Pöbel zu Beginn noch vehement verteidigt. Doch man kennt es, springt der Eine von der Brücke, folgt der Rest bald wie eine Herde Lemminge. "Echte Fründe stonn zusamme."

Erste Stimmen werden laut, die den Nubbel brennen sehen wollen, worauf ein jeder Jeck seine Anklagen heraus brüllt: Wer denn nun am klaffenden Loch in der Brieftasche schuld sei, wer sich an dem rechtmäßigen Schäferstündchen mit der falschen Frau verantwortlich zeichnet und wer denn nun das Kneipenklo wie einen Saustall hinterlassen habe. Da die Fragen nur rethorischer Natur sind, ist die Antwort freilich schnell gefunden: „Dat wor der Nubbel!“ Da wird dem kleinen Gesellen schnell warm ums Herz bei soviel Aufmerksamkeit.

Und so wird letztlich wie jedes Jahr das Feuer entzündet und der Nubbel den Flammen übergeben. Ob damit tatsächlich alle Sünden und Verfehlungen getilgt wurden? Anschließend geht es jedenfalls zu einem ausufernden Absacker zurück in die Kneipe. Die Karawane zieht weiter.

Asche zu Asche

Am nächsten Morgen ist alles vorbei und alles, was an Karneval, Exzesse, Sündenfälle und den Nubbel erinnert, ist ein kleines Häufchen Asche. Zumindest bis zum nächsten November, wenn sich der Rheinländer wieder auf seine heidnischen Wurzeln beruft und den nächsten Strohmann aufknüpft.

So befremdlich etwa das Nubbelritual auf Außenstehende wirken mag, so herzzerreißend kann die Teilnahme sein. Obwohl es vielleicht unfair erscheint, was den hilflosen Gesellen für ein Schicksal ereilt, so muss man bedenken, dass er seine Qualen stumm erträgt, ohne sich jemals zu beklagen. Er ist und bleibt nicht nur der Sündenbock, sondern dem Rheinländer ein verehrter Märtyrer, ohne den sich der Karneval vermutlich nur halb so überschwänglich feiern lassen würde und dem man dankbar ist, dass er alle Sünden auf seine Kappe nimmt.

Aus der Sicht des Nubbels selber lässt sich festhalten: Die gesamte Saison über im Mittelpunkt des Geschehens, hoch erhoben über den Türen der Kneipen, überall um ihn herum lachende und feiernde Jecken, und ein Ticket für die Unsterblichkeit in der Tasche. Wenn eines auf dieses zähe Männeken zutrifft, dann doch, dass es nicht tot zu kriegen ist. Wen kümmert da noch der eigene Ruf?

Denn, wie jeder Jeck nur zu gut weiß: „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich leicht ungeniert.“

Und wer jetzt richtig Lust auf Karneval bekommen hat, der kann sich schon einmal Tipps für zünftige Kostüme holen oder alternativ noch etwas tiefer in die Geschichte hinter Karneval eintauchen. Viel Spaß dabei!

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Nubbel, Ps3Maven Nubbel
   
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